Innsbruck Informiert
Jg.2025
/ Nr.10
- S.22
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Gesamter Text dieser Seite:
Stadtgeschichte
Von der Baracke zum Leerstand
Die Schwierigkeit, in Innsbruck eine günstige Wohnung zu finden, ist Teil
des Lebens in dieser Stadt. Die Lage zwischen Nordkette und Mittelgebirge,
die zeitweise rasante Zunahme der Bevölkerung, zwei Weltkriege, Inflation
und Wirtschaftskrisen, neue Lebensentwürfe und eine attraktive Universität:
Wie bitte sollen hier alle schön und günstig wohnen können?
von Joachim Bürgschwentner, Niko Hofinger und Renate Ursprunger
© STADTARCHIV/STADTMUSEUM INNSBRUCK (2)
In der Höttinger Au wohnten nach 1945 viele Flüchtlinge im sogenannten „Ausländerlager.“ Dahinter erkennt man die
Neubauten „Am Gießen“ und die „Heilig-Jahr-Siedlung“.
Blick in die Ausstellung im Stadtmuseum
D
ie städtische Politik war und ist gefordert, auch selbst als Gestalterin
auf den Plan zu treten: Die kommunale Erbauerin von Blocks und Höfen im
sozialen Wohnbau ist auch zentrale Vergabestelle von fast einem Viertel der Innsbrucker Wohnungen zu nicht allein von den Gesetzen des Marktes diktierten Preisen.
Die Fragen sind in den letzten hundert
Jahren dieselben geblieben: Wie kann man
ausreichend Wohnraum schaffen? Und
wo? Ist das frei finanzierte Wohnungseigentum ein Segen oder ein Fluch für die
Stadt? Die letztgültigen Antworten darauf
werden Sie in unserer Ausstellung nicht
finden, aber wir reißen die Themen an,
vergleichen historische Probleme mit de-
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INNSBRUCK INFORMIERT
nen von heute und sprechen auch, nicht
nur im Titel, den Leerstand an.
Von der Baracke …
Einfache, industriell hergestellte Bretterhallen, spanisch barracas, waren bis in die
1970er Jahre fixer Bestandteil des Innsbrucker Stadtbilds. Meist für militärische
Zwecke provisorisch errichtet, dienten
manche von ihnen nach den Kriegen jahrzehntelang als prekäre Wohnungen. Notdürftig mit Bretterwänden abgeteilt, bot
eine Baracke mehreren Familien Platz. In
der Regel verfügte sie weder über einen
Keller noch über Kanal- oder Wasseranschluss; geheizt wurde mit Holz in eisernen Öfen.
Nach den beiden Weltkriegen gab es viel
zu wenige Wohnungen in Innsbruck. Jeder trockene Raum musste genützt werden. So wurden nach 1945 nicht nur die
Baracken des ehemaligen Lagerkomplexes
Reichenau weiterbewohnt, viele über die
ganze Stadt verteilte Behelfslazarette und
Arbeitshallen wurden angesichts der zahlreichen ausgebombten Einheimischen und
obdachlosen Flüchtlinge günstig vermietet.
An manchen Orten entstanden regelrechte
Lager mit Hunderten BewohnerInnen.
… über den städtischen Wohnbau …
Vor dem Ersten Weltkrieg war die Stadt
nur in Einzelfällen als Bauherrin aktiv geworden. Nun wollte das „Rote Innsbruck“,
in dessen Gemeinderat von 1919 bis 1933
die Sozialdemokraten die stärkste Fraktion stellten, mit Unterstützung aus dem
Bund der kommunalen Bautätigkeit in
Wien nacheifern. Die Stadtbauingenieure
Jakob Albert und Theodor Prachensky gestalteten ab 1921 im Schlachthofblock so
etwas wie ein Musterprojekt mit kompakten Wohnungen im Format Zimmer, Küche,
Kabinett in fünf Etagen. In den folgenden
Jahren baute die Stadt den Pradler Pembaurblock, den Wiltener Mandelsbergerblock, den Sennblock (jeweils benannt
nach den Straßenzügen) und mehr. Kleinstädtischer Wohnbau wurde zu einer fixen
Größe der Stadtpolitik.
Die Wohnungen im Schlachthofblock waren für Innsbrucker Magistratsbeamte vorgesehen. Hier lebten auf der einen Hofseite Stadtpolizisten und Hofräte mit ihren
Familien, gegenüber im ältesten Gebäudeteil die Angestellten des namensgebenden
städtischen Schlachthofs (diese Ecke wurde 2024 abgerissen und wird demnächst
neu gebaut).
… zum Leerstand
Es ist fast eine philosophische Herausforderung, über etwas zu berichten, was man
nicht sehen kann: die Leere, das Nichts. So
stellen wir uns in der Ausstellung das Phänomen vor, das oft nur hinter vorgehaltener Hand angesprochen werden kann: den
Leerstand.
Innsbruck ist, was die Erfassung von
Wohnraum betrifft, eine Vorzeigeregion.
In keiner größeren Stadt Österreichs kann
von mehr als 60 Prozent der Wohnungen
gesagt werden, ob sie tatsächlich bewohnt
sind. Das klingt ein wenig nach Big Brother,
ist aber eigentlich das Gegenteil davon.
Hier geht es um das fragile Verhältnis von
Privatbesitz und legitimem öffentlichen
Interesse, daher gilt mehr als anderswo:
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Der Leerstand ist so gut wie kein Problem
bei städtisch vergebenen Wohnungen –
sie werden so schnell es geht renoviert
oder sofort wieder bezogen. Der Leerstand
ist ein Thema bei Anlegerwohnungen (vulgo Betongold) und Mietzinshäusern. Wir
finden: Lasst uns über den Leerstand reden! Auch wenn man ihn gar nicht sehen
kann.
Die Ausstellung „Suche Wohnung! Von der Baracke zum
Leerstand“
im Stadtarchiv/Stadtmuseum
Innsbruck in der Badgasse 2
läuft bis 9. Jänner 2026.
Öffnungszeiten: Montag-Freitag
9–17 Uhr.
Speziell für Schulen und SeniorInnen gibt es eigene Führungen.
Bei Interesse melden Sie sich bitte
per E-Mail unter post.stadtarchiv@
innsbruck.gv.at oder telefonisch
+43 512 5360 1400
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