Innsbruck Informiert
Jg.2025
- S.6
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Gesamter Text dieser Seite:
Podcast ZeitzeugInnen
Archivwürdig sind sie alle, die Erinnerungen und Momentaufnahmen
der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die die Olympischen Spiele von
4. bis 15. Februar 1976 in Innsbruck – bis heute der einzigen Olympiastadt
Österreichs – selbst miterlebt haben.
50
Jahre später hat Tobias
Rettenbacher
vom
Stadtarchiv/Stadtmuseum Innsbruck anlässlich des Jubiläums für die Sendung „50 Jahre
Olympische Winterspiele 1976“ ehemalige Sportlerinnen und Sportler
und weitere ZeitzeugInnen aufgespürt, die von ihren ganz persönlichen Erlebnissen im Winter 1976
erzählen. Brigitte Habersatter-Totschnig, Franz Klammer, Toni Innauer,
Hansi Hinterseer, Olga Pall-Scartezzini, Gudrun Obitzhofer, Peter Baumgartl, Hanni Weirather- Wenzel und
Bernhard Russi berichten von ihren
Eindrücken und von der Bedeutung
für ihre sportliche und persönliche
Entwicklung und erinnern sich an interessante Hintergrunddetails.
Die Farbe Gold
© STADTARCHIV/STADTMUSEUM (2)
Ein erstes, bleibendes Highlight war
für viele bereits die Eröffnungsfeier im Bergisel-Stadion vor 60.000
Menschen – die euphorische Stimmung, die Vorfreude, das begeisterte Publikum. Einzig die goldenen Anzüge der österreichischen
SportlerInnen sorgten nicht nur bei
den anderen Nationen für Irritation
– die Gastgeber setzten sich damit
selbst unter Druck. Franz Klammer
war Fahnenträger für Österreich,
Hanni Wenzel für Liechtenstein.
Was einigen ebenfalls stark im Gedächtnis geblieben ist: die verstärkten Sicherheits- und Ausweiskontrollen im Olympischen Dorf, die es
bei den letzten Olympischen Spielen in Innsbruck noch nicht gab. Bedingt waren sie durch die Terroranschläge bei den Sommerspielen in
München 1972. Den Skispringern in
Seefeld wurde sogar eine Entführung angedroht.
Das Skispringen war 1976 im Aufwind: Toni Innauer und Tobias
Rettenbacher im Gespräch.
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50 JAHRE OLYMPIA
„Silber gewonnen“
Eines wird in den Interviews deutlich: Die Olympischen Spiele sind
kein Wettbewerb wie andere. Aus
österreichischer Sicht waren besonders die Titelkämpfe bei den
AbfahrerInnen und Skispringern
spannend. So standen die Olympischen Spiele 1976, bei denen die
österreichischen AthletInnen letztlich sechs Medaillen errangen, unter anderem im Zeichen der Duelle Klammer/Russi, Mittermaier/
Totschnig und Schnabl/Innauer.
Für Brigitte Totschnig, die sich nach
guten Platzierungen vor den Olympischen Spielen in der österreichischen Favoritinnenrolle wiederfand, bedeuteten in der Axamer
Lizum schließlich „fünf Stockschübe und wenige Hundertstel“ den
zweiten Platz. Gold holte Rosi Mittermaier (D). Ein packendes Finish
bot schließlich auch der österreichische Doppelsieg auf der Bergiselschanze, mit dem diese XII. Olympischen Winterspiele zu Ende gingen.
Karl Schnabl überholte im zweiten Durchgang den erst 17-jährigen
Toni Innauer, der kurz zuvor noch
die Vierschanzentournee in Innsbruck mit einem Schanzenrekord
dominiert hatte.
„100 Prozent sind zu wenig“
Ein weiteres legendäres Erlebnis
schildert der Schweizer Bernhard
Russi. Es ist die letzte halbe Minute der Fahrt von Franz Klammer am
Stolz auf Edelmetall: Brigitte Totschnig mit
ihren Olympia- und WM-Medaillen
Patscherkofel, als Russi bereits als
Führender im Zielbereich wartete:
„Es ist immer noch der spannendste Moment meines Lebens. Der
Berg hat gezittert.“ Russi hatte bereits 1972 in Sapporo olympisches
Abfahrtsgold gewonnen – für den
23-jährigen Klammer waren es in
Innsbruck die ersten Olympischen
Spiele. Aus einem Handschlag und
33 Hundertstelsekunden wurde
schließlich eine Freundschaft fürs
Leben, wie Russi erzählt. Das packende Abfahrtsrennen aus der
Sicht Franz Klammers wird im Podcast natürlich ebenso wenig fehlen.
Der Sport im Fokus
Bei den ersten live im Fernsehen
übertragenen Olympischen Spielen 1976 war ein übermäßiger medialer Druck noch nicht zu spüren.
Der „mediale Rummel“ lief unkoordinierter und unstrukturierter
ab, die mediale Präsenz war den
AthletInnen weniger wichtig. Der
Sport selbst war im Fokus, mit unbequemen Fragen („warum ‚nur‘
Silber“) und Vorwürfen wurden
die SportlerInnen jedoch schon
damals konfrontiert, wie Totschnig und Hinterseer erzählen. Auch
die Trainingsbedingungen und die
Durchführung der Rennen waren
anders als heute: Das Slalomtrai-
ning fand am Kitzbüheler Hahnenkamm statt, die zwei Durchgänge
an zwei Tagen.
Aus sportmedizinischer Sicht erzählt Dr. Peter Baumgartl. Er hat
bei insgesamt neun Olympischen
Spielen, die für ihn von der Idee
getragen sind, die Jugend und viele Nationen zu verbinden und den
Frieden zu fördern, das Nordische
Skiteam betreut – Innsbruck waren
seine ersten. Es gab einen regen
Austausch zwischen den Mannschaftsärzten der verschiedenen
Nationen. Seine persönliche Bilanz: Seine Sportler-Innen haben
insgesamt 100 Medaillen ergattert.
Memorabilia
und Erinnerungen
Bei Brigitte Totschnig hat die Silbermedaille beim Kamin ihren Ehrenplatz – auch ihre Enkel fragen
regelmäßig danach. Toni Innauers
goldener Anzug hat es – über amerikanische Umwege – ins Haus der
Geschichte in Wien geschafft.
Die Goldmedaillengewinnerin der
Abfahrt von Grenoble 1968, Olga
Pall-Scartezzini, war später noch
als Physiotherapeutin im Skizirkus
dabei und langjährige Vizepräsidentin des ÖSV. Sie hatte in Innsbruck
eine bedeutende symbolische Rolle inne: Sie brachte das olympische
Feuer durch die Maria-Theresien-
Straße zum Goldenen Dachl (siehe
Bild). Für die Möglichkeit zur Unterhaltung und Treffen abseits des
Sports sorgte unter anderem der
Olympiaball, der im heutigen Congress abgehalten wurde. Hier konnte man Stars und internationale Bekanntheiten kennenlernen, wie Pall
erzählt.
Die Innsbruckerin Gudrun Obitzhofer war als Teil des Organisationskomitees unter Karl-Heinz Klee für
das Protokoll verantwortlich. Sie
arbeitete mit der späteren schwedischen Königin Silvia zusammen,
die Chefhostess war. Kommuniziert
wurde per Telefon und Fax – bis
nach Übersee. Die Vorbereitungszeit dauerte nur knappe drei Jahre.
Auch sonst herrschte das Prinzip
der Einfachheit und Sparsamkeit,
so wurden die Sportstätten von
Olympia 1964 weitergenutzt. Einzig der Wohnraum wurde erweitert,
was für Innsbruck letztlich städtebaulich von großem Nutzen war.
Zu hören sind ist die Podcast-Sonderserie des Innsbrucker Stadtarchivs unter dem Titel „50 Jahre
Olympische
Winterspiele
Innsbruck“ pünktlich zum Jubiläumsjahr ab Jänner 2026 unter
www.innsbruck.gv.at/podcasts und
auf den gängigen Podcast-PlattforAS
men.
© STADTARCHIV/STADTMUSEUM/R. FRISCHAUF
Olympia 1976 –
was bleibt
Olga Pall trug die olympische Fackel durch die Stadt.
SONDERAUSGABE INNSBRUCK INFORMIERT
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