Innsbruck Informiert

Jg.2025

/ Nr.9

- S.22

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Stadtgeschichte

Tage der Forschung

© JÜDISCHES MUSEUM BERLIN, INV.-NR. 2014/192/117, SCHENKUNG VON MAX BLOCH

von Andreas Hauser

Margarete Zuelzer studierte Naturwissenschaften in Berlin und Heidelberg, 1924 war die bekannte Zoologin bei der
88. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Innsbruck. (Im Bild als Studentin im Labor, 1902)

A

nlässlich der 88. Versammlung
Deutscher Naturforscher und Ärzte
diskutierten 1924 rund 6.000 Wissenschaftler in Innsbruck aktuelle Fragen
aus Naturwissenschaft und Medizin, darunter über 20 Nobelpreisträger, bekannte Wissenschaftler und zukünftige Spitzenforscher. Albert Einstein und Erwin
Schrödinger waren hier, Max Planck und
Wolfgang Pauli, Otto Loewi und Julius
Wagner-Jauregg. Vom 21. bis 27. September wurden Hunderte Vorträge gehalten –
aber nur eine Handvoll von Frauen.

Frauen am Podium
Eine von ihnen war die 1877 geborene
Zoologin Margarete Zuelzer, die in Berlin und Heidelberg Naturwissenschaften
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studiert und 1904 promoviert hatte. Nach
Anstellungen an der Versuchs- und Prüfanstalt für Wasserversorgung in Berlin
und am Gesundheitsamt leitete sie nach
1919 als eine der wenigen weiblichen „Regierungsräte“ das Protozoenlaboratorium
in Berlin. Bekannt wurde Zuelzer aufgrund
ihrer Erforschung der Weilschen Krankheit
und deren Auslöser, den Spirochäten. In
Innsbruck präsentierte Zuelzer ihr Wissen
zu dieser Gruppe von Bakterien. 1933 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft
in den Ruhestand versetzt, 1939 emigrierte sie nach Amsterdam und arbeitete am
Institut für tropische Hygiene. Im Mai 1943
wurde Margarete Zuelzer in das Durchgangslager Westerbork deportiert, wo sie
am 29. August 1943 starb.

Weitere Vortragende waren die Pathologin Else Petri (1887-1947) aus Berlin sowie
Selma Meyer (1881–1958), die sich 1922
als erste Frau Deutschlands im Fach Pädiatrie habilitiert hatte. Zudem wurde sie
1927 als erste Frau zur außerordentlichen
Professorin für Kinderheilkunde ernannt.
Wegen ihrer jüdischen Herkunft wurde ihr
1933 die Lehrbefugnis, 1938 die Approbation entzogen. 1939 konnte sie nach New
York emigrieren, wo sie bis zu ihrem Tod
eine Praxis betrieb. Anders verlief die Karriere von Petri. Als Gaukulturwartin der
NS-Frauenschaft des Gaues Groß-Berlin war die Expertin für Vergiftungen von
1933 bis 1945 Direktorin des Pathologischen Instituts am Urban-Krankenhaus
Berlin. Auch Emmy Noether (1882-1935)

referierte, die Pionierin der Abstrakten
Algebra sprach auf der Versammlung der
Deutschen Mathematiker-Vereinigung, die
zeitgleich in Innsbruck abgehalten wurde. In der Sitzung Technische Physik und
Elektrotechnik kamen Henny Cohn und
Anne Marie Katsch zu Wort, Patentinhaberinnen und Arbeitskolleginnen bei einem
Berliner Unternehmen für Funkentelegrafie. Cohn floh 1935 vor der NS-Verfolgung
nach Eindhoven, wo sie für Philips arbeitete. 1943 wurde sie im KZ Herzogenbusch,
1944 in Auschwitz interniert. Cohn überlebte, emigrierte in die USA und starb 1950
an den Folgen einer Operation. Katsch arbeitete weiter in Berlin, meldete mehrere
Patente an und erlag im November 1945
einem Herzinfarkt.

Einträge ins Gästebuch
Die Vortragenden waren aber nicht die einzigen Forscherinnen, die den Kongress besuchten. Dem Gästebuch des Instituts für
Physik der Uni Innsbruck ist zu entnehmen, dass Olga Ehrenhaft-Steindler (18791933) zugegen war. Sie war 1903 die erste
Frau, die an der Universität Wien in Physik
promovierte. Sie engagierte sich auf dem
Gebiet der Mädchen- und Frauenbildung
und gründete die erste Handelsakademie
für Mädchen. Ebenfalls zu Gast war Franziska Seidl (1892-1983). Ein Jahr zuvor hatte sie dissertiert, 1933 war sie die erste
Frau, die sich in Wien im Fach Experimentalphysik habilitierte. 1958 wurde sie außerordentliche und 1963 ordentliche Professorin. Aus Berlin reisten Gerda Laski
(1893–1928) und Iris Runge (1888-1966)
an. Laski war eine Pionierin der Ultrarotforschung, Runge arbeitete als Industriemathematikerin, habilitierte sich nach
dem Zweiten Weltkrieg und erhielt 1950
eine Professur in Berlin. Zudem finden

sich Einträge von Annesophie Lose (Freiburg), Margarete Weiler (Dresden), Hertha
Emde (München), Agathe Carst (München)
und Emilie Schalek (Berlin).

© ZEITSCHRIFTENSAMMLUNG UNIVERSITÄTSARCHIV KUNSTUNIVERSITÄT GRAZ

1924 hielt die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte ihre Jahrestagung
in Innsbruck ab. Tausende Wissenschaftler, aber auch so manche Forscherin
besuchten die Stadt.

Präsentation einer Erfindung
Weder im Gästebuch noch in der Vortragsliste findet sich der Name von Marie Anna
Schirmann. Dem Lebenslauf der 1893 geborenen Wienerin ist aber zu entnehmen,
dass sie in Innsbruck die von ihr entwickelte
„Quecksilberdampf-Extremvakuumpumpe“ vorstellte. Nach dem Studium der
Physik und Mathematik an der Uni Wien
hatte Schirmann 1922 am III. Physikalischen Institut zu arbeiten begonnen. Trotz
zahlreicher Publikationen wurde ihr Habilitationsansuchen 1931 abgelehnt. In der
Folge forschte Schirmann in einem eigenen Labor, unter anderem für einen Beitrag im 8. Handbuch der Geophysik. Nach
dem Anschluss 1938 versuchte Schirmann
eine Ausreisemöglichkeit in die USA zu bekommen, aufgrund der fehlenden Habilitation fand sie aber keine Stelle. Im März
1941 wurde Schirmann verhaftet und mit
998 jüdischen Männern, Frauen und Kindern nach Polen in das Ghetto Modliborzyce
deportiert. Im Herbst 1941 wurde sie von

Marie Anna Schirmann, „die bekannte Wiener Hochvakuumforscherin und Erfinderin“, gab ihr Wissen nicht
nur in Vorträgen an Volkshochschulen weiter, sondern
auch im Radio, was der Zeitschrift Radiowelt im Februar 1928 eine Meldung samt Foto am Cover wert war.

Franz Linke, dem Herausgeber des Geophysik-Handbuchs, gezwungen, ihren Beitrag abzuschließen. Während das Buch in
Druck ging, wurde das Ghetto am 8. Oktober 1942 aufgelöst. 986 der 999 Deportierten wurden vor Ort oder im Vernichtungslager Belzec ermordet, darunter
auch Schirmann. Ihr Aufsatz „Die Theorie
der Zerstreuung, Extinktion und Polarisation des Lichtes in der Atmosphäre“ erschien ohne Nennung ihres Namens.

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