Innsbruck Informiert
Jg.2026
/ Nr.2
- S.7
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HER
Dieses Gebäude war das erste, als solches geplante Kindergartengebäude in Innsbruck. Es lag etwas versteckt hinter
dem Ferdinandeum. Datiert wird die erste Einrichtung eines
öffentlichen Kindergartens in Innsbruck in das letzte Viertel
des 19. Jahrhunderts. Nach und nach folgten weitere,
sodass um 1900 bereits sechs derartige Einrichtungen
bestanden und alle Stadtteile (St. Nikolaus sogar zwei) einen Kindergarten besaßen. In Wilten wurde ein städtischer
Kindergarten mit der Eingemeindung im Jahr 1904 im
sogenannten Pechehaus – dort, wo demnächst ein neues
Kinderzentrum errichtet wird – geschaffen.
(Quellen: innsbruck-erinnert.at)
„Es ist mir wichtig, dass unsere Kindergärten
und Schulen echte Erfahrungsräume sind, an
denen gemeinsames Lernen und Leben Hand
in Hand gehen. Daher legen wir besonderen
Wert auf eine hohe Raumqualität, die offene
pädagogische Konzepte unterstützt.“
Vizebürgermeisterin Mag.a Elisabeth Mayr
1928 wurde der Städtische Kindergarten
Pradl eröffnet, ein frühes Beispiel moderner Kinderbetreuung in Innsbruck. Die
Einrichtung dokumentierte in Tagebüchern
ihren Alltag mit strukturierten Gruppen,
pädagogischer Ausbildung der Kindergärtnerinnen und besonderen Aktivitäten – ein
Zeugnis der pädagogischen Entwicklung außerhalb reiner Betreuung. Errichtet wurde der
Kindergarten Pradl nach Plänen von Architekt
Theodor Prachensky.
Das Bild zeigt eine Postkarte (datiert 27. August
1940) mit einer Ansicht der Hans Schemm-Schule
(dem heutigen Kindergarten Pradl) an der Ecke
Pembaurstraße-Egerdachstraße. Dahinter ist die
Rennerschule zu erkennen und im Hintergrund die
Nordkette.
Als Bildung laufen lernte
Architektur ist ein gesellschaftlicher Spiegel und umgekehrt.
Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang beim Bau von
Kindergärten und Schulen – damals wie heute.
I
n jeder Epoche lassen sich Bildungsbauten als Reaktion auf soziale, politische
und kulturelle Veränderungen lesen. Im
19. Jahrhundert etwa spielte Bildung im
heutigen Sinn eine untergeordnete Rolle, Aufsicht, Hygiene und Disziplin standen im Vordergrund, die Formensprache
erinnert nicht zufällig an eine militärische Ordnung, ähnlich einer Kaserne.
Dementsprechend waren Schulen streng
axial, symmetrisch und hierarchisch organisiert: lange Flure, gleichförmige Klassenräume und eine klare Trennung zwischen Lehrenden und Lernenden spiegelte
die Architektur, die einem autoritären Bildungsverständnis, ausgerichtet auf Kontrolle und Wissensvermittlung, entsprach.
Kinderbewahranstalten
Kindergärten waren Teil der städtischen
Armen- und Sozialpolitik, Einrichtungen
wurden Kinderbewahranstalten genannt.
Auch in Innsbruck wurden in den 1830erJahren solche Anstalten gegründet – vor
allem dort, wo es zahlreiche Gewerbe und
frühindustrielle Betriebe gab, wie in Dreiheiligen oder in St. Nikolaus.
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INNSBRUCK INFORMIERT
Mit dem gesellschaftlichen Wandel des 20.
Jahrhunderts, der Industrialisierung, der
Arbeiterinnen- und Frauenbewegung und
neuen Vorstellungen von Kindheit veränderten sich auch die Räume für Bildung.
Kindergärten wurden nicht mehr nur als
Verwahrorte gesehen, sondern als Orte
früher Bildung und sozialer Entwicklung.
Raum als dritter Pädagoge
Reformpädagogische Ansätze wie jene
von Maria Montessori, Rudolf Steiner oder
der hier in Innsbruck wirkende Daniel Sailer sowie weitere zahlreiche Initiativen der
Reformpädagogik hatten ab den 1920erJahren großen Einfluss auf die Architektur. Lernen sollte selbstbestimmt, sinnlich
und gemeinschaftlich stattfinden. Daraus
ergaben sich offene Grundrisse, helle Räume, niedrige Fenster und Möbel im kindlichen Maßstab. Der Raum wurde neben
den Lehrpersonen und den MitschülerInnen zum „dritten Pädagogen“, der Lernprozesse unterstützt, statt sie zu lenken.
Eines der größten und kostspieligsten Projekte, welches die (damals
noch eigenständige) Gemeinde Hötting in den 1920er/1930er-Jahren
realisierte, war der Bau der neuen Höttinger Hauptschule, heute
Fürstenweg Nr. 13. Die Planung des neuen Schulgebäudes wurde von
Franz Baumann und Theodor Prachensky ausgeführt. Am 25. Oktober
1931 wurde die Schule eröffnet. Das Bild zeigt Hauptschule und Kindergarten in der Höttinger Au/Fürstenweg, heute steht das Gebäude
unter Denkmalschutz. (Aufnahme Mai 1971,
Quellen: innsbruck-erinnert.at)
In den 1970er-Jahren, einer Zeit gesellschaftlicher Liberalisierung, spiegelten viele Schul- und Kindergartenbauten
neue Ideen von Mitbestimmung und Gemeinschaft wider. Cluster-Schulen, offene Lernlandschaften und multifunktionale Räume sollten Hierarchien abbauen
und soziales Lernen im Miteinander fördern. Architektur wurde bewusst als Mittel eingesetzt, um neue soziale Beziehungen zu ermöglichen. Auch Themen wie
Ganztagsschule, Gemeinsame Schule oder
Gruppenlernen waren Gegenstand reger
Diskussionen, wurden aber als „pädagogische Utopien“ abgetan.
Familien entlasten
Mit den steigenden Geburtenzahlen Anfang
der Sechzigerjahre, zunehmender Urbanisierung und immer mehr erwerbstätigen
Frauen wuchs besonders die Bedeutung
städtischer Kinderbetreuungsplätze stark
an. Die Stadt Innsbruck positionierte sich
nun klar als Hauptträgerin elementarer Bildung im urbanen Raum. Trotz Ausbau des
städtischen Kinderbetreuungsangebotes
in den Stadtteilen, einer besseren Ausbildung der Pädagog:innen und der Einführung neuer, pädagogischer Konzepte
gab es in den 1970er- und 1980er-Jahren
noch relativ wenige institutionelle Betreuungsplätze, insbesondere was ganztägige
und ganzjährige Angebote und Plätze für
unter Dreijährige betrifft. Aufgrund dieser Lücke in der öffentlichen Versorgung
wurden auf Initiativen vor allem von engagierten Frauen Vereine gegründet, um
privat ein Angebot von Spielgruppen und
Tageseltern zu gründen, zu erweitern und
nach und nach zu professionalisieren. Erst
ab den 1990er-Jahren wurde das Angebot
an städtischen Kindergärten in Innsbruck
stark erweitert. Es dauerte bis 2015, dass
die ersten städtischen Kinderkrippen bei
den Innsbrucker Sozialen Diensten (ISD)
etabliert werden konnten und nach und
nach wurden die privaten Initiativen auch
von der Stadt Innsbruck stärker gefördert –
parallel zu bundesweiten Bemühungen,
Versorgungslücken zu schließen und Familien zu entlasten.
Am Anspruch gewachsen
Heute gibt es neben 81 Gruppen in 57 privaten Kinderkrippen auch 19 Gruppen in
elf, von den ISD betriebenen Kinderkrippen für 0–3-Jährige. Auch die Anzahl an
privaten und städtischen KindergartenPlätzen für die 3-6-Jährigen ist in den
letzten zehn Jahren in Innsbruck deutlich
gewachsen, und dies obwohl im gleichen
Zeitraum die Anzahl der Kinder pro Gruppe von 25 auf 20 Kinder verringert wurde,
um die pädagogische Qualität zu fördern.
Zeitgemäße pädagogische Ansätze – etwa
inklusive Bildung, Ganztagsschulen oder
projektorientiertes Lernen – sind keine
Utopien mehr. Es gibt zahlreiche gelungene Beispiele für moderne Bildungsräume, und das nicht nur im Neubau, sondern
auch dort, wo es eine besonders große Hürde gibt: bei Um- oder Zubauten in
denkmalgeschützten Gebäuden. So haben
sich Bewahranstalten hin zu multifunktionalen Bildungslandschaften und modernen Campus-Konzepten entwickelt. Schulen und Kindergärten werden zunehmend
als soziale Zentren verstanden, in denen
sowohl Lernen als auch Betreuung, Freizeit und Gemeinschaft möglich sind. MD
Das Bild zeigt eine Gruppe des Kindergartens Olympisches Dorf, die für den Fotografen ein Willkommenslied singt, begleitet von zwei Pädagoginnen auf ihren
Gitarren. Im Hintergrund ist der Kindergarten in der
An-der-Lan-Straße 40 zu sehen (Quelle: innsbruckerinnert.at). Die Architektur des Kindergartens ist typisch für Bauten, die im Zuge der ersten Olympischen
Winterspiele in Innsbruck 1964 entstanden sind.
Solche Kindergärten wurden nicht als „Häuser der
Verwahrung“, sondern als Orte des Lernens, Spielens
und der Gemeinschaft konzipiert.
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