Innsbruck Informiert

Jg.2026

/ Nr.1

- S.22

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Stadtgeschichte

„Gottgewollte Arbeitsteilung" Öffentliches Frauenengagement
im Ständestaat

Kundgebung der Vaterländischen Front am
29. Juni 1933 am Rennweg. Frauen und Männer
beobachten gespannt das Geschehen von der
Ehrentribüne aus.

Öffentlichkeit. So setzte sich das Frauenreferat zum Beispiel vehement für die Realisierung einer Hauswirtschaftskammer
als Interessensvertretung für Hausfrauen und Hausgehilfinnen ein. Das ständestaatliche Regime weigerte sich aber den
Stand der Hausfrau als eigenen Berufsstand anzuerkennen.

Zwischen 1933 und 1938 veränderte sich das Innsbrucker Frauenvereinswesen
grundlegend. Das ständestaatliche Regime strukturierte die öffentliche
Frauenarbeit um und nutzte sie stärker für ihre ideologischen Ziele.
von Verena Kaiser

Das Mutterschutzwerk
Frauenfront, deren Mitgliedschaft an die
Zugehörigkeit zur Vaterländischen Front
gebunden war. Sie veranstalteten Vorträge, Diskussionen und schafften in der
„gesamten Frauenwelt“ Grundlagen für
Hilfsaktionen. Im Jänner 1934 wurde zum
Beispiel der Hilfspolizist Egon Weth (1911–
1942) von Nationalsozialisten überfallen
und schwer verletzt. Die Frauenfront beteiligte sich an einem öffentlichen Spendenaufruf für das Opfer, das ihrer Aussage
nach aus „einer braven christlichen Familie“ stammte, und positionierte sich damit
entschieden gegen die „nationalsozialistischen Greueltaten“.
© STADTARCHIV INNSBRUCK (2)

Das Frauenreferat

Plakat des Mutterschutzwerks zum Muttertag 1936

Das Frauenbild im Ständestaat
Nach der Ausschaltung des Parlaments
im Jahr 1933 errichtete die Vaterländische Front ein autoritäres Staatswesen.
Das Regime stützte sich auf die katholische Religion und den damit verbundenen Wertekanon. Die Niederschlagung
der Sozialdemokratie 1934 und die Auflösung liberal ausgerichteter Frauenvereine erleichterte die Rückkehr zur traditionellen Geschlechterordnung. Dass
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eine verheiratete Frau etwa berufstätig war und gleichzeitig eine Familie
versorgte, galt für Anhängerinnen und
Anhänger der Partei als unvereinbar.
Frauen sollten wieder als reine Hausherrinnen am Bauernhof oder im Haushalt
tätig sein. Mittels der Institutionalisierung des Mutterkults und Antiemanzipationsstrategien sollte die „gottgewollte“ Arbeitsteilung wiederhergestellt
werden.

Vaterländische Frauenfront
Die Innsbrucker Zeitung verkündete im
November 1933 die Gründung einer Vaterländischen Frauenfront. Der Verein
sah sich als Sammelbecken aller österreichisch-vaterländisch gesinnten Frauen
Tirols, die sich für den „Wiederaufbau Österreichs“ sowie für den „Ausbau der ständischen Gliederung der Gesellschaft“ engagierten. Die Tiroler Frauenfront war eine
regionale Organisation der bundesweiten

Das Frauenreferat war eine Initiative der
Vaterländischen Frauenfront und in der
Hofburg ansässig. Seine Aufgabe war es,
die politischen Interessen der Frau im öffentlichen Leben zu behandeln. Es sollte
sich mit bestehenden Frauenorganisationen vernetzen und eine Verbindung mit
allen Ständen und Berufsgruppen herstellen. Im Rahmen von sieben Arbeitsgemeinschaften übten die Mitglieder vor
allem eine beratende Funktion aus. Die
Namen der Arbeitsgemeinschaften verraten, was die Vaterländische Front unter
den politischen Interessen der Frau verstand. Die Gruppe „kulturelle Frauenangelegenheiten“ befasste sich mit der Presse, dem Kunstgewerbe sowie mit Film
und Theater und wurde laut zeitgenössi-

schen Zeitungsberichten von Schriftstellerinnen, Künstlerinnen oder Vertreterinnen der Presse geführt, wobei diese in den
Quellen nicht namentlich erwähnt werden. Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen
schlossen sich zur Arbeitsgemeinschaft
„Schule, Erziehung und Mädchenbildung“
zusammen und die Gruppe „Jugend und
Fürsorge“ befasste sich mit Angelegenheiten der vorschulpflichtigen Kinder sowie
der Jugendgerichtshilfe und der Armenfürsorge. Das Frauenreferat bestand aus Mitgliedern der weiterhin bestehenden Katholischen Frauenorganisation sowie der
ehemaligen selbständigen bürgerlichen
Frauenvereine und vertrat daher eine Position der Geschlechtergleichheit als auch
jene der Differenz. Sie befürworteten die
Wesensverschiedenheit der Geschlechter,
kritisierten aber – im Rahmen des Möglichen – die vom Staat ergriffenen Maßnahmen zur Verdrängung der Frau aus der

Neben dem Frauenreferat hatte auch das
Mutterschutzwerk in der Hofburg seinen Sitz, das bevölkerungspolitische Intentionen verfolgte. Es sollte das vom
Staat propagierte „Aussterben Österreichs“ verhindern und zu einem Anstieg
der Geburtenrate beitragen, indem es
Mütterschulungen im Sinne eines ErnährerHausfrauen-Familienmodells betrieb. Die
Institution vermittelte den Glauben an die
Heiligkeit der Ehe und die Notwendigkeit
der Familie zum Lebensglück des Einzelnen und des Staates. Jedes Jahr zum Muttertag verlieh das Mutterschutzwerk Auszeichnungen an kinderreiche Mütter. Um
für die Prämierung in Frage zu kommen,
musste eine Frau mindestens drei Kinder
haben und durfte keine Fürsorgeleistungen beanspruchen. Denn gemäß der Staatsideologie konnte eine bedürftige Mutter nicht gleichzeitig auch eine gute und
tüchtige Mutter sein.

www.schuelerhilfe.at
Die Nachhilfe / 7x in Tirol
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